Zum 90. Geburtstag von Trude Unruh

Eine Graue Pantherin erinnert sich

Als mein Mann mich neulich fragte: „Weißt du eigentlich, wer am 7. März  Geburtstag hat?“ antwortete ich prompt: „Natürlich! Trude Unruh, die Gründerin der Grauen Panther.“

Dieses Datum hat sich mir tief eingeprägt, denn Trude hat einen Tag vor dem Internationalen Frauentag, den 8. März, Geburtstag. Schon immer dachte ich, es ist doch recht schade, dass sie nicht einen Tag später geboren wurde, denn sie hat sich sehr um die alten Menschen verdient gemacht, besonders um die alten Frauen, die meistens in Einsamkeit und Altersarmut allein zurück bleiben. 

 

 (Trude Unruh mit Klaudia Hänsch - 2005)

Wenn Trude aus dem Nähkästchen plauderte, klang das so: „Meine Schwiegermutter hatte ein Kaffeekränzchen, das einmal die Woche zusammen kam. Die alten Damen tranken Kaffee, aßen Kuchen und redeten über das Alter und was wohl danach kommt. Allmählich wurde das Treffen immer mehr ausgedünnt. Das geschah hauptsächlich dadurch, dass die Angehörigen ihre Mütter und Schwiegermütter in Altenheime unterbrachten. Dieses Verschwinden aus der Kaffeerunde geschah sang- und klanglos. Die Familien gaben den alten Frauen nicht einmal die Möglichkeit, sich von ihren Freundinnen zu verabschieden. Das weckte nun das Misstrauen bei Trude sowie ihrer Schwiegermutter, und sie stellten Nachforschungen an. Das Ergebnis war leider wenig erfreulich, denn die Heime waren nur Aufbewahrungsstellen, in denen ruppige Behandlung und ein rüder Ton herrschten. Wenn man Pech hatte, wurde man sogar geschlagen; dies geschah meistens aus Zeitmangel, wenn die alten Menschen nicht schnell genug reagierten. Hatte man aber Glück, dann waren diese Häuser wenigstens “satt und sauber“. 

Das war für Trude der Zeitpunkt, 1975 den Senioren-Schutz-Bund “Graue Panther“ zu gründen. Sie bekam dabei starke Unterstützung von ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter. Zuerst kümmerte sie sich um die schlechten Altenheime, denn davon gab es mehr als genug. Die Heimaufsichten – sie gab es wirklich – mussten sich aber vor einer Begehung anmelden, was dazu führte, dass in den Altenheimen reger Betrieb entstand. Alles wurde auf Hochganz geputzt und poliert. Die alten Menschen saßen auf ihren Stühlen frisch gewaschen, gut frisiert und in ihrer besten Kleidung. Sie lächelten lieb, da sie Medikamente zum Wohlfühlen und Betäuben bekommen hatten und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Das geschah dann in Form der Heimärztin, der Heimaufsicht und der Heimleitung. Diese rauschten an den alten Menschen vorbei, fanden alles in Ordnung und beendeten die Begehung bei Kaffee und Kuchen. Nur das Personal und die Zivildienstleistenden wussten, was für ein falsches Bild entstanden war. 

Auch ich, Mutter eines Zivis, musste diese Erfahrung machen. So trat ich 1989 genau aus diesem Grund beim Senioren-Schutz-Bund “Graue Panther“ ein. Mein Mann und ich hatten Angst, dass wir einmal im Alter diesen Menschen ausgeliefert wären und in so einem Heim auf nimmer Wiedersehen verschwinden würden. 

Trude Unruh hatte in ihrer Kariere als Kämpferin für die alten Menschen viele heiße Eisen angefasst, von denen es jede Menge gab. Sie trat in die Grüne Partei ein, und 1985 kam ein Büchlein mit dem Titel “Grundrente statt Alterarmut“ heraus. “Die Grünen und die Grauen Panther fordern Rentenreform“ so lautete der Untertitel. 1989 gründete Trude dann ihre eigene Partei “Die Grauen“ initiiert von den Grauen Panthern. Diese Partei hat sich die 10 Punkte der Grauen Panther auf ihre Fahnen geschrieben. Leider hatte sie mit ihrer Partei nicht den Durchbruch, den wir uns alle gewünscht hatten. Anfänglich gab es einen beachtlichen Wahlerfolg, aber die anderen Parteien, die bis dahin nicht viel für alte Menschen in ihren Wahlprogrammen stehen hatten, änderten dies sofort, und heute kann man sagen, wenigstens auf dem Papier, sind die Senioren überall bestens vertreten. Die Anderen haben eben von Trude Unruh gelernt und viel Gedankengut übernommen, aber nur an der Oberfläche. 

Noch einmal bekamen die Grauen Panther einen sensationellen Aufschwung und zwar nach der Wiedervereinigung 1990. Die Menschen im Osten waren so begeistert, dass sie jetzt endlich selbst entscheiden konnten in welche Vereine sie eintreten möchten, dass viele den Anlass dazu nahmen, bei den Grauen Panthern mitzumachen. Ich fuhr damals einige Male nach Magdeburg zu den Delegiertensitzungen und war begeistert von der tollen Atmosphäre, die dort herrschte. Man lernte Graue Panther aus ganz Deutschland kennen, und es gab gute Gespräche und Kontakte. Während so einer Sitzung haben wir auch Trudes 80. Geburtstag nachgefeiert. Unten in der Flamingo-Bar des Ramada-Hotels trat das Wuppertaler Graue-Panther-Theater auf mit Sketchen, Musik und Tanz. Es war für mich ein einmaliges Erlebnis; das ist vor 10 Jahren gewesen. 

Ein besonderes Anliegen von Trude Unruh waren die bezahlbaren Wohnformen im Alter. Sie machte die Alten-Wohngemeinschaft salonfähig, was gar nicht so einfach war. Junge Leute durften jederzeit eine WG gründen, aber alte Menschen nicht. Da müssen ganz viele Auflagen berücksichtigt werden, wie z.B. ein Aufzug und Barrierefreiheit sowie - man höre und staune – das Heimgesetz muss erfüllt werden; wahrscheinlich besonders in dem Sinne: „Wie verhalte ich mich, wenn die Heimaufsicht kommt?“ 

Trude Unruh gründete die sogenannten Lebenshäuser. Das waren Alten-WGs, die genehmigt waren, aber nicht den Charakter eines Heims hatten, sondern Häuser voller Leben waren. In Wuppertal wohnte sie mit ihren Mann in so einer Gemeinschaft mit mehreren Grauen Panthern, die verschieden alt waren, aber sich gut verstanden. Ich war dreimal dort und konnte feststellen, wie vorbildlich und auch wie schön und lustig das Leben für alle Bewohner war. Man frühstückte miteinander, aß gemeinsam zu Mittag, und nachmittags gab es meist verschiedene Veranstaltungen, jeden Tag eine andere: 

Montag: Singen – denn sie hatten in Wuppertal einen hauseigenen Chor, der üben musste.

Dienstag: Theaterprobe – weil auch eine Theatergruppe zu diesem Haus gehörte, die ab und zu tatsächlich im Fernsehen mit viel Erfolg auftrat.

Mittwoch war politischer Nachmittag – an dem über die neusten Ereignisse diskutiert wurde.

Donnerstag: Malkurse.

Freitag – war frei, damit die Bewohner auch einmal Zeit für sich hatten. Es muss aber dazu gesagt werden, dass alle Veranstaltungen nicht verpflichtend waren.

Samstags und sonntags gab es ein buntes Veranstaltungsprogramm   und die obligatorische Bergische     Kaffeetafel mit allem “dröm und dran“. Bei diesen Nachmittagen hatte man an die gedacht, denen am      Wochenende fast die Decke auf den Kopf fällt. Wuppertal hatte um 1990 ungefähr 1000 Mitglieder, und so strömten oft sehr viele Besucher herbei. 

Von diesen Lebenshäusern gab es bereits einige. Allerdings muss ich sagen, dass bei uns in Süddeutschland kaum solche Häuser existierten. Hier waren die alten Menschen nicht bereit, ihre Wohnung schon zu verlassen, wenn es ihnen noch gut geht, sondern erst, wenn sie von ihrer Familie irgendwohin gesteckt wurden, was meistens nicht das Beste für sie war. Darum sagte Trude Unruh immer: “Wir haben alle gute und liebe Kinder, aber es ist besser, wenn ihr euch noch in geistiger Frische selbst einen Platz für das Alter aussucht“.  

Diesen Rat habe ich befolgt und wohne nun in einem Mehrgenerationenhaus in Stuttgart. Vor zwei Jahren sind wir hier eingezogen, und es gefällt uns immer noch sehr gut. Es gibt in diesem Haus 10 Seniorenwohnungen mit Betreuung, in denen je zwei Menschen in einer WG-ähnlichen Gemeinschaft leben. Jeder hat ein eigenes geräumiges Zimmer mit Nasszelle, aber eine gemeinsame große Wohnküche mit Wintergarten. Drei Wohnungen sind von Ehepaaren belegt. Der Rest wird durch intensive Gespräche zusammengeführt. Außerdem gibt es im Haus einen Pflegedienst, einen städtischen Kindergarten, der für eine fröhliche Atmosphäre sorgt, und ein Eltern-Kind-Zentrum, das vorwiegend aus jungen Müttern, Vätern und ihren Babys besteht. Es finden hier sehr viele Veranstaltungen statt. Und auch sonst ist immer etwas los, denn es gibt ein hauseigenes Café, in dem man sich bei Kaffee und Kuchen treffen oder auch am biologisch-vegetarischen Mittagessen teilnehmen kann. Für mich ist das eine gute Alternative zu den Lebenshäusern. 

In Wuppertal gab es auch eine sogenannte “Pantherburg“, ein riesiger Komplex mit vielen altengerechten Wohnungen. Dieses Altenheim wurde nach den neusten Erkenntnissen gebaut. Bei meiner zweiten Reise nach Wuppertal konnte ich mit meinem Mann dort einige Tage wohnen. Die Zimmer waren toll eingerichtet und das Bad war ein Traum. Wir kamen uns vor, wie in einem 4-Sterne-Hotel. Das Frühstücksbüfett war ganz große Klasse. Wer sich nicht selbst bedienen konnte, bekam Hilfe. Es war so preiswert, wie es wahrscheinlich kein weiteres Heim in Deutschland gab. Leider wurde dieses Projekt bald darauf den Grauen Panthern entzogen, weil versprochene Gelder nicht mehr zur Verfügung standen.  

Es gab noch viele andere Themen, die von Trude aufgegriffen wurden. Eines lag ihr besonders am Herzen, das waren die Trümmerfrauen. Sie erkämpfte für sie Anerkennung und sorgte dafür, dass man sich an diese Frauen und an ihre Leistungen nach den gewaltigen Zerstörungen im 2. Weltkrieg erinnerte. 

Trude Unruh gab auch Bücher heraus, in denen die alten Menschen und ihre Probleme erörtert wurden. Ich denke da nur an:

“Aufruf zur Rebellion“, Graue Panther machen Geschichte,

“Grau Kommt – Das ist die Zukunft“, ein politisches Bekenntnis oder “Trümmerfrauen“, Biografien einer betrogenen Generation.

Ferner sind mir noch zwei Bücher besonders wichtig:

“Tatort Pflegeheim“, Zivildienstleistende berichten und

“Schluss mit dem Terror gegen Alte“, Fallbeispiele und Gegenaktionen.

Es gab noch viele weitere Bücher, die ich jetzt aber nicht aufführen kann. 

Alles in allem ist und bleibt Trude Unruh eine großartige Frau. Leider wird sie ihren 90. Geburtstag nicht so feiern können, wie ihren 80., denn es ist sehr ruhig um sie geworden, da sie jetzt im hohen Alter schwer erkrankte. 

Mir persönlich haben die Grauen Panther viel gebracht. Ich habe gelernt, frei zu reden und zu fotografieren, was ich früher glaubte, nicht zu können. Ich ließ mich in den Vorstand der Grauen Panther wählen, in dem ich dann 5 Jahre war. Dadurch kam ich auch in den Frauenbeirat der Stadt Stuttgart, wo ich 10 Jahre lang die alten Menschen und ihre Probleme vertrat. Außerdem wurde ich Mitglied beim “Freien Radio für Stuttgart“, wo ich Sendungen für Senioren mache, wie z.B. im März 2005 “30 Jahre Graue Panther – Trude Unruh 80 Jahre jung“.

Klaudia Hänsch